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Auf der Suche nach dem
verlorenen Jesuskind
c. by Felicitas Rupprecht, Dez. 2001
Es ist Heilig Abend.
Genauer gesagt, eigentlich erst "Heilig Mittag".
Die beiden Kinder sitzen mit glänzenden Gesichtern und frisch gewaschenen
Haaren auf dem Sofa im Wohnzimmer und trinken warmen Kakao.
Draußen vor dem Fenster tanzen Schneeflocken, es duftet herrlich
nach
Weihnachten und der Tannenbaum glänzt in seiner Pracht:
Rotpolierte Holzäpfelchen und feine Strohsterne schmücken ihn,
und zarte, glitzernde Goldfäden hängen von den Zweigen.
Unter dem Baum steht die Krippe mit all den vertrauten Figuren.
Maria und Joseph, Ochs und Esel und der Engel der Verkündigung.
Hirten gibt es keine, auch keine Schafe,
Dafür aber drei altehrwürdige Könige, die huldvoll vor
dem Säugling in der Futterkrippe knien. Und in der Krippe liegt es
- - das Jesuskind.
Ihm zu Ehren feiern wir Weihnachten.
Das wissen auch die beiden Kinder, die das Figürchen mit dem feinen
Babygesicht
ganz besonders in ihr Herz geschlossen haben: Jesus hat heute Geburtstag
!
Schon in aller Frühe hatten sie das Jesuskind feierlich in den roten
Kipplaster gesetzt und waren mit ihm kreuz und quer durch die Wohnung
gebraust. Anschließend war es in der Puppenstube zu Gast gewesen,
um mit der dort lebenden Puppenfamilie zu
frühstücken, und zur Feier des Tages durfte das Jesuskind dann
noch im Playmobil-Hubschrauber um den Weihnachtsbaum fliegen....
Huiii, war das ein Spaß gewesen !
Bis Mami in das Weihnachtszimmer getreten war und dem Spiel Einhalt geboten
hatte. Schließlich sei das Jesuskind ja noch ein Baby und gehöre
zu seinen Eltern.
Das hatte die beiden Kinder eingesehen.
Und da liegt es nun wieder in der Krippe, in Windeln gewickelt und geduldig
lächelnd. Die beiden Kinder auf dem Sofa indes können es kaum
noch erwarten.
Wenn es nach ihnen ginge, dann könnte das Christkind jetzt zur Bescherung
kommen !
Aber - es ist eben erst Mittag,.....
Und es dauert noch drei lange Stunden, bis es zum Krippenspiel in die
Kirche
geht.
Während Papi sich mit Geschenkpapier und Klebeband ins Schlafzimmer
zurückgezogen hat ( "...muß noch dringend was am Computer
arbeiten.....") springt Mami eben unter die Dusche, natürlich
nicht, ohne die Sprößlinge vorher noch einmal zu ermahnen,
ganz friedlich und artig zu bleiben.
Das aber ist gar nicht so einfach, an einem Tag wie diesem, wo die Uhren
ohnehin schon viel langsamer laufen, als sonst, und man vor lauter Spannung
gar nicht weiß, wie man die kommenden Stunden überstehen soll.
Unter dem Vorwand, sich heute ganz besonders wohlgefällig zeigen
zu wollen, beschließt die Große, noch einmal das Weihnachtszimmer
zu saugen und holt zu diesem Zweck den Staubsauger aus der Kammer. Natürlich
ist den Kindern der unbeaufsichtigte Umgang mit diesem Gerät normalerweise
verboten, aber, so redet sie sich ein, ist es ja sicher auch in Mamis
Sinne, wenn das Wohnzimmer heute ganz besonders gründlich gesaugt
wird. Und doppelt hält nun einmal besser, das weiß doch jedes
Kind. Mit der ganzen Kraft ihrer vier Jahre hievt sie das schwere Gerät
in den Raum, steckt das Kabel in die Steckdose ( - ist zwar auch verboten,
aber der Zweck heiligt bekanntermaßen die Mittel... - ) und heissa,
los geht es !
Der Kleine klatscht begeistert in die Hände, denn auch er liebt dieses
Gerät
heiß und innig, und unter großem Jubel und den bewundernden
Blicken des kleinen Bruders
fährt die Große mit dem Staubsauger schwungvoll durch das Zimmer.
Huiii, hat der eine Kraft....
.... schon haben die unteren Äste des Bäumchens keine Goldfäden
mehr....
schwups......sind die Sternchen, die unter die Tanne gestreut worden waren,
verschwunden, und da:
Klirrr - schepper - kling ........ist es geschehen.....!
- ein Schrei des blanken Entsetzens hallt durch die Wohnung.
Innerhalb von Sekunden stürzen beide Eltern ins Wohnzimmer, angetrieben
von dem Glauben, ein Blutbad vorzufinden. Doch, Gottlob, der Kleine sitzt
unversehrt auf dem Teppich, fasziniert mit einem Auge in die Tülle
des Staubsaugers spähend, während die Große daneben hockt
und herzzerreißend heult.
Und da erfahren die Eltern auch schon die grausame die Tragödie:
Der böse Staubsauger hat das Jesusbaby gefressen.
Da sitzen sie nun, es ist Heilig Abend, und das Jesuskind ist fort.
Anklagend steht die leere Futterkrippe im Stall, und auch Maria scheint
etwas wehmütiger zu gucken, als sonst.
Wie sollen die Kinder das bloß dem Christkind erklären ?
Daß sie verbotener Weise mit dem Staubsauger durch das Weihnachtszimmer
getobt sind und dabei das arme kleine Jesulein im Müllbeutel versenkt
haben ?
Mit ernster Miene schicken die Eltern ihre beiden Sprößlinge
ins Kinderzimmer.
Lange, ...sehr lange dauert es, bis die Uhr drei mal schlägt, und
sie gemeinsam zum Krippenspiel gehen. Doch die Gedanken wandern immer
wieder nach Haus.
Was, wenn`s Christkind den fehlenden Heiland sofort bemerkt und tatenlos
wieder verschwindet ?
Und wie überhaupt sollen sie Weihnachten feiern, wenn das Jesuskind
nicht unter ihnen ist, heute an seinem Geburtstag ?
Ohne Jesus kann man nicht Weihnachten feiern, so viel steht fest.
Diese Erkenntnis verursacht kein schönes Gefühl im Bauch. Und
wie sollte das Jesuskind da sein können, wenn es nicht greifbar ist
?
Nein, das wird kein schöner Heilig Abend werden.
Die Eltern hingegen tun so, als sei nichts geschehen.
Singend wandern sie mit den beiden nach dem Gottesdienst durch die Strassen.
Zuhause angekommen betreten sie leise die Wohnung und öffnen feierlich
die Wohnzimmertür, -
- wie angewurzelt bleiben die Kinder da auf der Schwelle stehen.
Die Kerzen am Weihnachtsbaum leuchten und buntverschnürte Päckchen
stehen unter dem Baum.
In der Krippe aber, geborgen von Maria und Joseph, liegt das Jesuskind
und lächelt.
So, als wäre es nie fort gewesen.
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