Der kleine Flori und der Nikolaus
Von Irina Korschunow
Der kleine Flori war vom ersten Schultag an ein ganz schlimmer Schlamper.
Dauernd ließ er irgend etwas im Schulzimmer liegen, die Mütze oder seine
Handschuhe, die Fibel, das Rechenbuch, die Tafel, ein Heft oder das Federmäppchen.
Ja, manchmal vergaß er sogar alles miteinander und lief mit leerem Schulranzen
heim. Und es kam noch schlimmer: Eines Nachmittags nämlich, als Flori
die vergessene Fibel holen wollte, lag sie nicht mehr auf seiner Bank;
Flori suchte und suchte, aber die Fibel war wie weggeblasen. Am nächsten
Tag konnte Flori das Rechenbuch nicht finden, am übernächsten Tag war
die Tafel fort. Das war kurz vor dem Nikolaustag, und die Mutter meinte:
"Ich glaube, diesmal bringt der Nikolaus höchstens eine Rute.
Aber das glaubte der kleine Flori auf keinen Fall. In den vergangenen
Jahren war der heilige Nikolaus immer nett zu ihm gewesen, obwohl er schon
damals herumgetrödelt und nie aufgeräumt hatte. Sicher würde der Nikolaus
auch in diesem Jahr nichts von der Schlamperei gemerkt haben und wieder
die guten Mandellebkuchen mitbringen, die Flori so gerne aß und die nur
der Nikolaus hatte.
Ja, und dann kam er, der Nikolaus! Er pochte laut an der Tür und stapfte
herein in seinem roten Mantel und mit der Bischofsmütze aus Gold. Auch
einen vollen Sack hatte er dabei, an welcher Stelle wohl die Lebkuchen
für ihn stecken mochten. Aber der Nikolaus machte gar keine Anstalten,
Lebkuchen aus dem Sack zu holen. Er schaute den Flori mit gerunzelter
Stirn an, so streng wie er noch nie ausgesehen hatte.
"Warst du auch brav, Flori?"
"Ja", sagte Flori schnell, obwohl er natürlich genau wußte, daß das nicht
ganz stimmte.
"So, so", brummte der Nikolaus, "brav warst du? Und immer recht ordentlich?
Und du hast nie etwas verschlampt oder vertrödelt?"
O weh! Jetzt sagte der kleine Flori gar nichts mehr. Ob der Nikolaus doch
etwas wußte? Floris Herz fing laut zu klopfen an
"Was meinst du wohl, was ich dir mitgebracht habe?" fragte der Nikolaus
und griff nach seinem Sack.
"Ma-Ma-Mandellebkuchen", stotterte Flori.
Aber der Nikolaus schüttelte seinen Kopf.
"Für Mandellebkuchen war im Sack kein Platz mehr", sagte er, "weil ich
doch so viele andere Dinge für dich einpacken mußte. Hier, dies zum Beispiel..."
Und was holte er aus dem Sack? Die Fibel!
"Und dies..." Das Rechenbuch!
"Und das..." "Und das..." Die Tafel, Floris Pudelmütze, den linken Handschuh,
die Bastelschere, drei Bleistifte, eine Schachtel Malkreide - eins nach
dem anderen holte der Nikolaus hervor. Nur kein Paket Mandellebkuchen,
nicht einmal ein einiges Stück!
"Also dann bis zum nächsten Jahr, kleiner Flori", meinte der Nikolaus
freundlich. "Und wenn ich dann nicht soviel Trödelkram für dich mitbringen
muß, hab' ich auch sicher Platz für Lebkuchen."
Und er stapfte wieder aus der Stube hinaus.
Ja, da stand er, der Flori, und hatte nichts, überhaupt nichts vom Nikolaus
bekommen! Eigentlich ist das eine traurige Geschichte.
Aber zum Glück geht sie gut aus! Weil nämlich der heilige Nikolaus wirklich
von Herzen gütig ist und weil sich der kleine Flori von diesem Tag an
große Mühe gab und fast gar nichts mehr verschlampte, lag in der Woche
vor Weihnachten auf einmal eine bunte Schachtel im Briefkasten. "An den
kleinen Flori" stand darauf.
Ihr könnt euch vielleicht schon denken, was sie enthielt! In der Schachtel
waren die guten Mandellebkuchen, wie sie nur der Nikolaus hat!
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