Plätzchenduft im ganzen Haus
von Rita Fehling
Wieder diese dunkle Jahreszeit. Wieder Dezember. Wieder diese langen
Nächte und kurzen Tage. Und wieder die Familie, die quengelt, ich
soll Plätzchen backen.
"Nein!" sage ich dieses Mal entschieden. "Ich backe in
diesem Jahr keine Plätzchen. Mann und Sohn gucken mich an, als ob
ich ihnen soeben mitgeteilt hätte, dass ich beabsichtige, nach Timbuktu
auszuwandern. Alles, nur das nicht. Sie flehen. Sie nölen. Sie schimpfen.
Und ich argumentiere damit, dass es keinen Spaß macht, viele Stunden
in der Küche zuzubringen, nochmals Stunden mit deren Reinigung beschäftigt
zu sein, die Produkte meiner Schweiß treibenden Arbeit sich noch
am Backtag bis auf die Hälfte dezimieren zu sehen, um dann festzustellen,
dass anschließend niemand mehr von den Keksen isst. Nicht nur nicht
im Dezember, nein auch am Fest selbst wird alles Mögliche gegessen
und genascht, nicht aber Mutters Kekse.
Ich schlug vor, in eine gute Konditorei zu gehen, und ein paar von diesen
wunderbaren Keksen zu kaufen, die so schön aussehen, wie ich es niemals
hinkriegen würde. Aber sie schüttelten beiden heftig die Köpfe
und argumentierten: "Aber das riecht doch so schön im ganzen
Haus." Okay, da hatten sie ja nun Recht. Trotzdem habe ich keine
Lust, Kekse für den Mülleimer zu produzieren. Basta!
Im letzten Jahr hatte ich logisch überlegt und nur noch die Hälfte
Kekse gebacken. In der Hoffnung, dass dann alle an einem Tag aufgegessen
würden. Aber die Rechnung ging nicht auf. 1. hatte ich fast genau
so viel Arbeit, weil es der verschmutzten Küche egal ist, ob zehn
oder fünf Bleche gebacken wurden und 2. haben sie von der Hälfte
eben wieder nur die Hälfte gegessen. Ob sie es unverschämt gefunden
hätten, alles auf einmal zu essen, oder ob ausgerechnet im letzten
November ihr Keksappetit nur halb so groß war, bleibt unbekannt.
Mein Entschluss stand fester den je: In diesem Jahr keine Kekse.
Nun waren meine beiden Süßen nicht gewillt, auf selbst gebackene
Weihnachtssüßigkeiten zu verzichten. Und weil Muttern dieses
Mal nicht als Produzentin zur Verfügung stand passierte, was passieren
musste. Die beiden wälzten Backbücher, kauften Frauenzeitschriften
mit Plätzchenrezepten und bereiteten sich akribisch auf den großen
Backtag vor. Wenn eine Frau kocht oder backt, geht sie in die Küche,
schmeißt Ofen und Herd in Gang und legt los. Männer jedoch
planen alles bis in die kleinste Kleinigkeit. Sie lasen die Rezepte, murmelten
was von Kouvertüre, Petit Fours und viele andere leckere Ausdrücke.
Ich schmunzelte, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie das hinkriegen
würden. Meine Kekse, die ich immer genau nach Anweisung backte, sahen
nie so umwerfend toll aus, wie sie in den Zeitschriften oder Backbüchern
abgebildet waren. Aber die beiden hatten - so schien es - den Anspruch,
es besser zu machen als ich.
Ich gebe zu, dass ich ein bisschen in meinem hausfraulichen Stolz gekränkt
war. Und ein bisschen juckte es mich doch, ihnen zu zeigen, wer hier besser
backen konnte. Doch ein Zurück gab es nun nicht mehr für mich.
Zu viel hatte ich daran gesetzt, mein Ziel zu erreichen. Um nicht in irgendeine
Versuchung zu kommen, in den nachmittäglichen Backvorgang einzugreifen,
verzog ich mich für einige Stunden.
Ja, es stimmt, ich war sehr neugierig, als ich nach Hause kam. Was dort
dekorativ in einer Schale angerichtet war, verschlug mir den Atem. Vanillekipferl
mit Puderzucker, Zimtsterne mit rosa Verzierungen und vieles mehr. "Alle
Achtung!" Das Kompliment meinte ich wirklich ernst.
Erst am Abend im Bett fiel mir auf, dass etwas gefehlt hatte. Der Duft.
Genau! Der Plätzchenduft im ganzen Haus.
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