Das kleine Mädchen und
das Licht der Weihnacht
von Rolf Tischer
Es war am Heilig Abend und Marie-Luise kam wieder einmal zu spät
nach Hause. Wie fast jeden Tag war sie zum spielen in den Stadtwald gegangen
und wurde dort durch die niedlichen Eichhörnchen abgelenkt. Sie hatte
den niedlichen Tierchen beim Spielen zugeschaut und darüber die Zeit
vergessen. Sie sahen aber auch zu possierlich aus, wenn sie aufgeregt
von Baum zu Baum hüpften, im Schnee vergeblich nach Nüssen suchten
und aufgeschreckt durch die Menschen, plötzlich wieder am Baum hingen.
Aber all das interessierte ihren Stiefvater nicht. Sie war wieder einmal
zu spät nach Hause gekommen und nur das zählte für ihn.
Er schimpfte und sagte: "So unpünktlich wie du bist, verpasst
du noch das Christkind heute abend! Geh noch zum Kaufmann und hole mir
Zigaretten, bring auch ein Feuerzeug mit!"
Ihre Mutter war eine kleine zierliche Person, die ihrem Mann noch nie
widersprochen hatte, gab Marie-Luise Geld und sagte: "Zieh deine
warmen Stiefel und den neuen Mantel an, es ist schon kalt draußen!"
Marie-Luise ging und merkte dass es wieder anfing zu schneien. Die Luft
war kalt und der Schnee fiel in immer dickeren Flocken vom Himmel. Ob
die Eichhörnchen bei dem dichten Schnee zu den Nüssen finden
würden?
Ihr Weg war nicht weit und so entschloss sie sich, im Stadtwald vorbei
zu sehen wie es den Eichhörnchen ging, oder ob sie sich vor dem Schneefall
versteckten.
Am Stadtwald angekommen sah Marie-Luise ein armes Mädchen das barfuss,
frierend auf einer Bank sass. Sie setzte sich zu dem Mädchen auf
die Bank und fragte: " Warum gehst du nicht nach Hause, hier ist
es doch viel zu kalt und du wirst krank werden, wenn du hier sitzen bleibst."
Das Mädchen erzählte, dass es von zu Hause weggelaufen war,
weil ihre Mutter sie so sehr geschlagen hatte. Sie wollte nicht mehr nach
Hause gehen, denn dort hatte sie niemand lieb. Ich will zu meinen Großeltern
ans andere Ende der Stadt gehen und dort Weihnachten feiern. Aber mir
ist so kalt und es ist noch ein weiter Weg! Marie-Luise überlegte
wie sie dem Mädchen helfen könne und da kam ihr die rettende
Idee: " Wenn ich mich beeile bin ich in ein paar Minuten beim Kaufmann
und dann auch schnell zu Hause, da werde ich nicht besonders frieren,
ich gebe dir meine Stiefel und den Mantel, dann kannst du zu deinen Großeltern
gehen. Marie-Luise zog sich schnell die Stiefel und den Mantel aus und
gab beides dem Mädchen.
Schnell lief sie zum Kaufmann um die Zigaretten und das Feuerzeug zu
kaufen. Der alte Mann hinter dem Tresen sagte zu ihr: "He Kleine,
wie läufst du denn bei der Kälte rum! Barfuss mit einem dünnen
Kleid! Du holst dir ja den Tod!" Ich habe keinen weiten Weg und bin
gleich wieder zu Hause."
" Na dann beeil dich, ich mache jetzt auch Feierabend, ich will mit
meinen Kindern noch in den Kindergottesdienst gehen."
Marie-Luise beeilte sich und lief schnell nach Hause. Sie rannte um die
Ecken ....und da passierte es. An einer Zaunecke blieb sie mit Ihrem Kleid
an einer Zaunlatte hängen und ihr neues Kleid zerriss. Ein großer
Riss ging quer über die Seite. Sie erschrak und dachte, was wird
wohl mein Stiefvater sagen? Dieses Mal wird er richtig böse sein.
Sie fing an zu weinen und ging langsam weiter. Plötzlich merkte sie,
dass sie nicht mehr auf dem Heimweg war, sondern wieder am Stadtwald stand.
Dem Ort, der ihr immer wieder Trost gab, wenn sie traurig war. Sie sah
wieder Eichhörnchen und wie sie glücklich durch den Schnee tollten.
Marie-Luise bemerkte nicht die Kälte um sie herum und wurde immer
glücklicher.
Plötzlich merkte Marie-Luise das es dunkel und gleichzeitig auch
kalt wurde. Sie bemerkte die Kälte, die schnell von ihren Füßen
aufwärts stieg. Marie-Luise muss sich irgendwie wärmen und da
fiel ihr das Feuerzeug ein das sie ja noch hat. Sie warf es an und wärmte
sich die Finger an der Flamme. Die Finger wurden zwar ein bisschen warm,
aber es half nichts, die Füße wurden immer kälter sie
spürte sie schon nicht mehr.
Da raschelte es im Gebüsch neben ihr und sie bekam Angst, lief davon,
weg vom Weg, quer durch den Wald. Nur weg von dem schrecklichen Ort. Es
wurde immer finsterer um sie und sie fürchtete sich immer mehr. Marie-Luise
wußte nicht mehr wo im Wald sie war, obwohl sie doch so oft hier
war. Aber nie war es dunkel und kalt, richtig furchteinflössend wie
heute abend!
Marie-Luise sah mit ihren verweinten Augen ein flackerndes Licht. Es
schien ganz in der Nähe zu sein. Und so ging sie darauf zu und hoffte,
dass sie sich dort wärmen könne und vielleicht auch nach dem
Weg zu fragen.
Sie kam an einen Schuppen, in dem ein Feuer durchs Fenster zu sehen war,
also ging sie hinein um sich zu wärmen. Drinnen war es sehr warm,
schon fast heiß, dachte sie. Da bemerkte sie, dass es kein normales
Feuer war, sondern der Schuppen brannte! Eine Petroleumlampe war umgekippt
und so hatte das Stroh Feuer gefangen. Sie wollte schnell wieder raus
laufen, da bemerkte sie in einer Ecke des Schuppens eine kleine verängstigte
Katze sitzen. Sie dachte nicht an die Gefahr in die sie sich begab und
ging schnell in den Schuppen zurück. Marie-Luise nahm die Katze und
ging schnell wieder raus aus dem Schuppen. Sie drückte die Katze
an sich und schützte sie vor der Kälte. Mit der Katze auf dem
Arm machte sich Marie-Luise weiter auf die Suche nach dem richtigen Weg.
Aber der Wald war dunkel und kalt, ein Weg war nirgends zu sehen.
Da sah Marie-Luise eine Gestalt in der Nähe stehen, diese strahlte
ein seltsames warmes Licht aus. Sie ging auf die Gestalt zu und wußte
plötzlich wem sie gegenüber stand. Genau so hatte sie sich in
ihren Träumen das Christkind vorgestellt. Es muss es sein! Das Christkind
hielt eine brennende Kerze in der Hand und obwohl der Wind stark durch
die Bäume pfiff verlöschte das Licht nicht. Das Christkind sprach
zu ihr: "Nimm die Kerze, sie wird dir den Weg nach Hause zeigen!
Marie-Luise nahm die Kerze und stand wieder alleine im Wald, das Christkind
war verschwunden, nur die Kerze und die kleine Katze waren noch da. Von
der Kerze ging eine große Wärme aus, so dass es Marie-Luise
ganz warm wurde. Ein paar Schritte weiter entdeckte sie auch wieder einen
Baum den sie kannte, und von dem aus sie den Weg wieder fand. Wie weggewischt
war die Angst vor ihrem Stiefvater und so lief sie schnell um nach Hause
zu kommen. Sie kam an dem großen Strauch vorbei von dem sie im Sommer
immer die leckeren Beeren genascht hatte. Doch was war das? Da hingen
in dem Strauch ein paar Stiefel, die gleichen welche sie dem Kind gegeben
hatte. Ein paar Schritte weiter hing ein Kleid wie das, welches sie an
hat und zerrissen war. Wieder ein Stück weiter hing ein Mantel an
einem Baum. Sie zog die neuen Kleider an und machte sich weiter auf den
Weg nach Hause.
Als sie an der Wohnungstüre klingelte öffnete nicht wie sonst
ihr Stiefvater die Türe, sondern ihre Mutter. Sie stand mit verweinten
Augen in der Tür. Aus Sorge um Marie-Luise war mit dem Stiefvater
ein großer Streit ausgebrochen, an dessen Ende er wütend die
Wohnung verlies. Ihre Mutter weinte Freudentränen, dass Marie-Luise
wieder zu Hause war.
Gemeinsam mit der kleinen Katze zündeten sie mit der Kerze des Christkindes,
die Kerzen des Weihnachtsbaumes an und verbrachten einen schönen
friedlichen Heilig Abend.
Zum Abschluss des Abends gingen sie in die Kirche, um Gott zu danken,
dass alles so gut ausgegangen war. Marie-Luise nahm die Kerze des Christkindes
mit. Diese war noch kein Stück heruntergebrannt und leuchtete trotzdem
hell und warm. Auf dem Weg zur Kirche sahen sie ein Mädchen traurig
auf einer Bank sitzen, es war das Mädchen, welches die Kleidung von
Marie-Luise erhalten hatte. Sie hatte sich verlaufen und fand den Weg
zu ihren Großeltern nicht. Marie-Luise gab ihr die Kerze des Christkindes,
damit auch dieses Mädchen noch heute ihr Glück finden könne!
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