Der verlorene Teddy
von Christina Schafranek
(Krischa)
veröffentlicht im Verlag Fischer edition
Wieder einmal war es in Finnland Herbst geworden. Die
Bäume hatten ihre bunten Blätter bereits abgeworfen und in
der Nacht fielen die Temperaturen unter Null Grad. Die Feriengäste
hatten schon lange ihre Koffer gepackt und waren heimgereist. Bloß
ein deutsches Ehepaar mit seinem kleinen Sohn war noch übrig geblieben.
Der kleine Waldschrat Pinki Punki beobachtete diese Familie schon eine
ganze Weile. Was er bisher gesehen hatte, gefiel ihm. Das waren echte
Naturfreunde! Sie schonten die Pflanzen, warfen kein Papier in den Wald
und machten nicht einfach Feuer, wo es ihnen einfiel. Die Eltern zeigten
ihrem Jungen viele Dinge in Wald und Feld, wovon andere Leute keine
Ahnung hatten.
Eines Tages war auch ihr Urlaub zu Ende und sie fuhren ab. Pinki Punki
machte sich auf den Weg, um die Hütte zu inspizieren. Alles war
schön aufgeräumt, die Teller gespült und der Boden gefegt.
Doch halt - was war denn das? Vom Bett her kam klägliches Weinen.
"Hallo? Wer weint denn da?"
"Ich bin ein Bär und heiße Teddy und bin vergessen worden."
Dabei rollte langsam eine Träne über die dicke Bärenbacke.
"Du Armer! Nun beruhige dich erst einmal. So schlimm wird das ja
wohl nicht sein."
"Doch, doch, denn mein Matzi ist jetzt unterwegs nach Deutschland
und ich sehe ihn nie wieder!!! Huh, huh, huh, ..."
Pinki Punki überlegte und kam zu der Überzeugung, daß
hier wohl Pöllö am Besten helfen konnte.
"Komm` Teddy, hör` auf zu heulen, wir müssen los, bevor
es dunkel wird."
Gemeinsam überlegten sie, wie sie wohl aus der Hütte herauskommen
sollten. Das war gar nicht so einfach. Durch den schmalen Spalt, durch
den der Schrat mühelos hereingekommen war, kam der dicke Teddy
natürlich nicht durch. Nachdenklich wanderte der Schrat durch die
Hütte. Plötzlich entdeckte er, daß die Saunatür
ein wenig offen stand. Er schlüpfte hinein und sah sich um. Oh,
welch ein Glück! Man hatte vergessen hatte, das Saunafenster zu
schließen.
"Hurra, es klappt! Ich weiß, wie wir dich hier herauskommen.
Komm` Teddy, nur Mut, wir schaffen das schon!"
Hoffnungsvoll kam der Bär in die Sauna gewackelt. Als er die hohe
Treppe sah, die ihn vom Fenster trennte, verließ ihn gleich wieder
der Mut.
"Das ist doch kein Problem," beruhigte ihn Pinki Punki. "Es
gibt doch genug Holz hier." Flink lief er zum Holzkorb.
"Nun komm` schon, allein schaffe ich das auch nicht!"
Nun schleppten sie gemeinsam die Holzscheite an die Saunatreppe, stapelten
sie übereinander und so entstand eine neue Stufe für das Bärchen.
Mühsam kletterte Teddy hoch. Nun kam die Sitzbank an die Reihe.
Dafür legte sich Teddy flach auf den Bauch, Pinki Punki stellte
sich auf dessen Rücken und wuchtete so ein Holzscheit nach dem
anderen auf die obere Bank. Das ging so lange, bis alle Scheite oben
lagen und der Bär darüber hinwegklettern konnte. Für
den Waldschrat war das natürlich kein Problem, denn Waldmännchen
kommen überall hinein und hinauf.
Inzwischen hatte es zu schneien begonnen. Die weißen Flocken bedeckten
bereits den Boden rund um die Hütte. Teddy saß auf der Fensterbank
und schaute ganz verzagt auf die weiße Pracht.
"Wenn ich da hinunterfalle, wird das Sägemehl in meinem Bauch
naß und ich muß sterben!" Jammerte er.
"Meine Güte, stellst du dich vielleicht an. So schnell stirbt
man nicht. Du willst doch unbedingt zu deinem Matzi, also mußt
du schon was riskieren. Hoppla, wer sitzt denn da auf dem Baum? Harja,
bist du das? Bitte komm` her, wir brauchen deine Hilfe!"
Zögernd kam Harja, das Eichhörnchen, den Baum heruntergeklettert.
Fremde mochte sie eigentlich gar nicht, doch dieser kleine Dicke sah
ja harmlos und ziemlich mitgenommen aus.
"Was gibt's? Wer ist das? Ist er neu hier?" Harja war nun
doch neugierig geworden.
"Das erzähle ich dir später. Erst müssen wir hier
raus. Kannst du uns ein paar Zweige in den Schnee unter das Fenster
werfen, damit Teddy nicht naß wird? Bitte, sei so gut."
"Wird sofort erledigt!"
Flink huschte Harja den Stamm hoch und gleich darauf prasselten Zweige
in den Schnee.
"Na siehst du, man muß nur die richtigen Freunde
haben, dann klappt alles wie von selbst."
Dabei strich er dem Bären tröstend über den Kopf.
"Nun spring endlich!"
Noch ein kurzes Zögern von Teddy, ein Hopp - und er landete weich
und trocken auf den Zweigen.
Pinki Punki und Harja nahmen immer einen Zweig und legten ihn vor den
anderen. So entstand eine richtiger Weg und der Bär konnte wie
auf einer Straße laufen. Auf Dauer wurde das natürlich recht
anstrengend und die Pausen immer länger. Während sie wieder
mal ganz außer Atem eine Pause einlegten, kam Ilves, der Luchs,
angetrabt.
"Was macht ihr da? Spielt ihr ein neues Spiel, welches ich noch
nicht kenne? Und wer ist das? Zuwachs im Revier?"
"Ja, einen vergessenen Teddybären der unbedingt wieder nach
Deutschland will. Wir wollen zu Pöllö. Die Eule weiß
sicher, was wir unternehmen können."
"Warum bringt ihr ihn nicht gleich zu den drei Schwestern? Die
wissen bestimmt weiter."
"Ganz einfach, der Weg ist für uns zu weit."
"Wenn's weiter nichts ist! Aufsteigen die Herrschaften!"
Teddy und Pinki Punki kletterten auf den Rücken von Ilves.
"Festhalten, es geht los!"
Die Beiden winkten Harja noch ein Lebewohl zu und ab ging die Post.
Quer durch den Wald und über verschneite Felder, bis sie an einen
breiten Fluß gelangten. Hier war die Reise zu Ende. Der Fluß
war erst zur Hälfte zugefroren. Doch durchs kalte Wasser zu schwimmen,
dafür hatte der Luchs nun wirklich keine Lust. Während sie
nach einer Möglichkeit suchten, den Fluß zu überqueren,
kam Lohi angeschwommen.
"Ihr wollt hinüber? Nichts leichter als das. Etwa 2 km flußaufwärts
ist alles fest zugefroren, da kann Ilves leicht hinüberlaufen."
Sprachs und tauchte wieder unter.
"Danke Lohi, vielen Dank!" rief Pinki Punki ihm hinterher.
Der Luchs trabte wieder los. Bald erreichten sie die angegebene Stelle
und schon waren sie auf der anderen Seite.
Hier wartete bereits Hirvi, der große Elchbulle. Er hatte von
Punatulkku, dem Dompfaff, die Nachricht bekommen, wohin die Beiden wollten.
"Alles umsteigen," röhrte der Elch. "Es kann gleich
weitergehen!"
Hirvi legte sich sogar hin, damit die beiden Freunde leichter aufsteigen
konnten.
"Haltet euch gut fest, es kann stürmisch werden."
Schnell kuschelten sich Waldschrat und Bär ins dichte Nackenfell
und hielten sich am Geweih fest. Wieder ging es über Stock und
Stein, immer nach Norden. Es wurde immer kälter und die Beiden
waren schon ganz steif vor Kälte geworden. Endlich hielt Hirvi
vor einem kleinen Holzhaus. Hier wohnten die drei weisen Schwestern
Eilen (gestern), Tänään (heute) und Huomena (morgen).
Die Tür öffnete sich und eine der Schwestern trat heraus.
"Hallo Hirvi, bringst du Besuch?"
"Guten Tag, Schwester Eilen. Hier bringe ich euch zwei halb erfrorene
Gäste. Einen vergessenen Teddybären und Pinki Punki. Aber
den kennt ihr ja. Ihr könnt sicher weiterhelfen."
"Nun, wir werden sehen. Kommt erst herein und stärkt euch.
Hirvi, für dich liegt frisches Heu bereit. Laß es dir gut
schmecken, denn für den Heimweg brauchst du viel Kraft."
Fürsorglich hob die alte Frau Bär und Waldschrat vom Rücken
des Elchs und trug sie ins Haus. Tänään, die zweite Schwester,
kam und stellte jedem eine Schüssel mit Moosbeeren und ein Glas
heiße Milch mit Honig hin. Mit Heißhunger fielen Teddy und
Pinki Punki über die Köstlichkeiten her. Besonders Teddy leckte
sich behaglich die letzten Milchtropfen vom Bart, während Pinki
Punki genüßlich die Schüssel mit den Moosbeeren leerte.
Inzwischen hatte Huomena, die dritte Schwester, die Daunenbetten für
die beiden Reisenden bereitet. Müde fielen diese auf ihr weiches
Lager und waren bald darauf eingeschlafen.
Am nächsten Morgen wurden sie von lautem Geschnatter geweckt. Mit
einem Jubelschrei sprang Pinki Punki auf, rannte durch die Hütte
und fiel einer Wildente um den Hals.
"Sorsa, wieso bist du noch hier? Ich freue mich zwar sehr dich
zu sehen, aber solltest du nicht längst im Süden sein?"
"Naja! Weißt du, erst wollten die Kinder nicht fliegen lernen
und als sie es endlich konnten, kam ein großer Schneesturm. Dann
flog wir los. Unterwegs bekam ich von Tuuli, dem Wind, die Nachricht,
hierher zu kommen, denn die drei Schwestern hätten einen Auftrag
für mich. Meine Familie flog allein weiter und ich kam hierher.
Das war eigentlich alles. Und du bist Teddy, der vergessene Bär,
das Tagesgespräch unserer Wälder. Wo sind die drei Schwestern
eigentlich?"
"Sie kommen gleich, ich kann sie schon hören," schnurrte
eine sanfte Stimme von der Ofenbank.
Erschrocken zuckte Teddy zusammen.
"Vor Kissa brauchst du dich nicht zu fürchten, die Katze ist
viel zu alt, um jemandem etwas zuleide zu tun. Außerdem ist sie
stets lieb und sanft gewesen und hat sogar unter den Mäusen Freunde,"
lachte Pinki Punki.
Teddy sah genauer hin und entdeckte eine große graue Katze. Er
ging zu ihr hin und kraulte sie ganz zart zwischen den Ohren.
"Oh tut das gut!" schnurrte Kissa und schloß vor Behagen
die Augen.
"Na, habt ihr schon Freundschaft geschlossen? Teddy, wir wissen
jetzt, wie wir dich nach Deutschland bringen."
"Wirklich?" Teddy strahlte über das ganze Bärengesicht,
worauf Pinki Punki ein saures Gesicht machte.
"Du kannst es wohl nicht erwarten, von uns wegzukommen!"
"Das war eben sehr ungezogen von dir, Pinki Punki. Außerdem
bist du ungerecht," ertönte die Stimme von Schwester Eilen,
die unbemerkt von den anderen, in die Stube gekommen war.
"Wenn du in Teddys Lage wärst, ginge es dir wohl genauso."
Der Waldschrat wurde über diesen Tadel ganz rot im Gesicht.
"Ich habe es doch nicht böse gemeint," stotterte er verlegen.
"Ich bin nur traurig, daß Teddy weg will. Ich habe das Alleinsein
so richtig satt!"
"Teddy wird immer an dich und seine Erlebnisse denken, das weiß
ich genau. Und was das Alleinsein betrifft, darüber unterhalten
wir uns ein andermal. Warten wir erst einmal das Frühlingsfest
ab. Doch jetzt gibt es Wichtigeres zu tun, als Abschiedstränen
zu vergießen. Setzt euch hin und hört genau zu: Sorsa, du
bringst den Teddy nach Helsinki, in die Hauptstadt. Dort, auf dem Domplatz,
wartet der Joulupukki, unser Weihnachtsmann, mit seinem Rentierschlitten
auf euch. Du darfst bis nach Italien mitfahren, wo du wieder mit deiner
Familie zusammentriffst. Teddy wird vom Joulupukki direkt Zuhause abgeliefert.
Alles verstanden? Gut, dann wollen wir zusehen, daß ihr schnell
fortkommt. Schließlich kann sich der Weihnachtsmann keine Verspätung
leisten."
Schwester Huomena zog Teddy eine warme Jacke an, wickelte ihm einen
dicken Schal um Kopf und Hals und setzte ihn auf den Rücken von
Sorsa. Traurig stand Pinki Punki daneben. Er mußte hierbleiben.
Aber vielleicht - irgendwann einmal - könnte er doch Teddy besuchen.
Wer weiß!?!
Während Teddy seinen neuen Freunden ein letztes Lebewohl zuwinkte,
erhob sich Sorsa in die Luft und drehte nach Süden ab.
Und wie ging es mit Teddy weiter?
Kalt und sehr windig war es hier oben auf dem Rücken
der Wildente, trotz der warmen Jacke und dem dicken Schal. Er vermißte
seinen lustigen Freund Pinki Punki, aber er freute sich auch auf daheim.
Unter ihnen tauchten die Lichter der Großstadt auf und schon von
weitem hörte man das feine Klingeln der Schlittenglöckchen.
Noch eine elegante Schleife und Sorsa landete direkt neben den Joulupukki.
"Da seid ihr ja," wurden sie freundlich begrüßt.
"Pünktlich, pünktlich, muß ich schon sagen. Na,
Teddy, freust du dich auf daheim? In ein paar Stunden bist du wieder
da, wo du hingehörst."
Teddy konnte nur nicken. Er war sprachlos vor Glück, den Weihnachtsmann
so dicht neben sich zu haben. Der sah den Bären erst einmal prüfend
an und meinte dann schmunzelnd:
"Ein wenig zerrupft siehst du ja schon aus. Aber wie ich den Matzi
kenne, macht ihm das gar nichts aus. Er hat nämlich schrecklich
Sehnsucht nach dir. Ich freue mich auf sein Gesicht, wenn er dich sieht."
Lachend setzte er den Teddy zwischen die vielen Pakete und Päckchen
neben Sorsa, die bereits, den Kopf unter den Flügel gesteckt, tief
und fest schlief. Ein leiser Pfiff und schon fuhr der Rentierschlitten
an. Immer schneller und schneller, bis er im hohen Bogen unter Sternengestöber
und Glöckchengeläut in den abendlichen Himmel glitt.
Und daheim in Deutschland?
Es war Heiliger Abend und der kleine Matzi saß trübsinnig
in seinem Zimmer. Er trauerte immer noch um seinen Freund Teddy und
nichts konnte ihn trösten.
Da ertönte das Glöckchen, welches zur Bescherung rief. Lustlos
stand Matzi auf und trottete zur Treppe.
"Nun komm schon, schau dir deine Geschenke doch wenigstens an,"
rief die Mutti.
Im Wohnzimmer wartete ein wunderschön geschmückter Weihnachtsbaum
auf Matzi. Und wer saß zwischen den vielen Päckchen? Der
Teddy!!! Vergessen war all der große Kummer und jubelnd drückte
Matzi seinen geliebten, so lange vermißten Teddy an sich.
"Fröhliche Weihnachten!" rief der Weihnachtsmann,
bevor er wieder mit seinem Rentierschlitten im nächtlichen Himmel
verschwand.