Nußknacker und Mausekönig
Ernst Theodor Amadeus Hoffmann
Eine Erzählung in 7 Teilen:
Der Weihnachtsabend
Die Gaben Der
Schützling Wunderdinge Die
Schlacht
Die Krankheit Das
Märchen von der harten Nuss
Wunderdinge
Bei Medizinalrats in der Wohnstube, wenn man zur Türe hineintritt gleich
links an der breiten Wand steht ein hoher Glasschrank, in welchem die
Kinder all die schönen Sachen, die ihnen jedes Jahr einbeschert worden,
aufbewahren. Die Luise war noch ganz klein, als der Vater den Schrank
von einem sehr geschickten Tischler machen ließ, der so himmelhelle Scheiben
einsetzte, und überhaupt das Ganze so geschickt einzurichten wußte, daß
alles drinnen sich beinahe blanker und hübscher ausnahm, als wenn man
es in Händen hatte. Im obersten Fache, für Marien und Fritzen unerreichbar,
standen des Paten Droßelmeier Kunstwerke, gleich darunter war das Fach
für die Bilderbücher, die beiden untersten Fächer durften Marie und Fritz
anfüllen wie sie wollten, jedoch geschah es immer daß Marie das unterste
Fach ihren Puppen zur Wobnung einräumte, Fritz dagegen in dem Fache drüber
seine Truppen Kantonierungsquartiere beziehen ließ. So war es auch heute
gekommen, denn, indem Fritz seine Husaren oben aufgestellt, hatte Marie
unten Mamsell Trutchen beiseite gelegt, die neue schön geputzte Puppe
in das sehr gut möblierte Zimmer hineingesetzt, und sich auf Zuckerwerk
bei ihr eingeladen. Sehr gut möbliert war das Zimmer, habe ich gesagt,
und das ist auch wahr, denn ich weiß nicht, ob du, meine aufmerksame Zuhörerin
Marie! ebenso wie die kleine Stahlbaum (es ist dir schon bekannt worden,
daß sie auch Marie heißt), ja! - ich meine, ob du ebenso wie diese, ein
kleines schöngeblümtes Sofa, mehrere allerliebste Stühlchen, einen niedlichen
Teetisch, vor allen Dingen aber ein sehr nettes blankes Bettchen besitzest,
worin die schönsten Puppen ausruhen? Alles dieses stand in der Ecke des
Schranks, dessen Wände hier sogar mit bunten Bilderchen tapeziert waren,
und du kannst dir wohl denken, daß in diesem Zimmer die neue Puppe, welche,
wie Marie noch denselben Abend erfuhr, Mamsell Clärchen hieß, sich sehr
wohl befinden mußte.
Es war später Abend geworden, ja Mitternacht im Anzuge, und Pate Droßelmeier
längst fortgegangen, als die Kinder noch gar nicht wegkommen konnten von
dem Glasschrank, so sehr auch die Mutter mahnte, daß sie doch endlich
nun zu Bette gehen möchten. "Es ist wahr", rief endlich Fritz, "die armen
Kerls" (seine Husaren meinend) "wollen auch nun Ruhe haben, und solange
ich da bin, wagt's keiner, ein bißchen zu nicken, das weiß ich schon!"
Damit ging er ab; Marie aber bat gar sehr: "Nur noch ein Weilchen, ein
einziges kleines Weilchen laß mich hier, liebe Mutter, hab ich ja doch
manches zu besorgen, und ist das geschehen, so will ich ja gleich zu Bette
gehen!" Marie war gar ein frommes vernünftiges Kind, und so konnte die
gute Mutter wohl ohne Sorgen sie noch bei den Spielsachen allein lassen.
Damit aber Marie nicht etwa gar zu sehr verlockt werde von der neuen Puppe
und den schönen Spielsachen überhaupt, so aber die Lichter vergäße, die
rings um den Wandscbrank brennten, löschte die Mutter sie sämtlich aus,
so daß nur die Lampe, die in der Mitte des Zimmers von der Decke herabhing,
ein sanftes anmutiges Licht verbreitete. "Komm bald hinein, liebe Marie!
sonst kannst du ja morgen nicht zu rechter Zeit aufstehen," rief die Mutter,
indem sie sich in das Schlafzimmer entfernte. Sobald sich Marie allein
befand, schritt sie schnell dazu, was ihr zu tun recht auf dem Herzen
lag, und was sie doch nicht, selbst wußte sie nicht warum, der Mutter
zu entdecken vermochte. Noch immer hatte sie den kranken Nußknacker eingewickelt
in ihr Taschentuch auf dem Arm getragen. Jetzt legte sie ihn behutsam
auf den Tisch, wickelte leise, leise das Tuch ab, und sah nach den Wunden.
Nußknacker war sehr bleich, aber dabei lächelte er so sehr wehmütig freundlich,
daß es Marien recht durch das Herz ging. "Ach, Nußknackerchen," sprach
sie sehr leise, "sei nur nicht böse, daß Bruder Fritz dir so wehe getan
hat, er hat es auch nicht so schlimm gemeint, er ist nur ein bißchen hartherzig
geworden durch das wilde Soldatenwesen, aber sonst ein recht guter Junge,
das kann ich dich versichern. Nun will ich dich aber auch recht sorglich
so lange pflegen, bis du wieder ganz gesund und fröhlich geworden; dir
deine Zähnchen recht fest einsetzen, dir die Schultern einrenken, das
soll Pate Droßelmeier, der sich auf solche Dinge versteht." - Aber nicht
ausreden konnte Marie, denn indem sie den Namen Droßelmeier nannte, machte
Freund Nußknacker ein ganz verdammt schiefes Maul, und aus seinen Augen
fuhr es heraus, wie grünfunkelnde Stacheln. In dem Augenblick aber, daß
Marie sich recht entsetzen wollte, war es ja wieder des ehrlichen Nußknackers
wehmütig lächelndes Gesicht, welches sie anblickte, und sie wußte nun
wohl, daß der von der Zugluft berührte, schnell auflodernde Strahl der
Lampe im Zimmer Nußknackers Gesicht so entstellt hatte. "Bin ich nicht
ein töricht Mädchen, daß ich so leicht erschrecke, so daß ich sogar glaube,
das Holzpüppchen da könne mir Gesichter schneiden! Aber lieb ist mir doch
Nußknacker gar zu sehr, weil er so komisch ist, und doch so gutmütig,
und darum muß er gepflegt werden, wie sich's gehört!" Damit nahm Marie
den Freund Nußknacker in den Arm, näherte sich dem Glasschrank, kauerte
vor demselben, und sprach also zur neuen Puppe: "Ich bitte dich recht
sehr, Mamsell Clärchen, tritt dein Bettchen dem kranken wunden Nußknacker
ab, und behelfe dich, so gut wie es geht, mit dem Sofa. Bedenke, daß du
sehr gesund, und recht bei Kräften bist, denn sonst würdest du nicht solche
dicke dunkelrote Backen haben, und daß sehr wenige der allerschönsten
Puppen solche weiche Sofas besitzen."
Mamsell Clärchen sah in vollem glänzenden Weihnachtsputz sehr vornehm
und verdrießlich aus, und sagte nicht "Muck!" "Was mache ich aber auch
für Umstände", sprach Marie, nahm das Bette hervor, legte sehr leise und
sanft Nußknackerchen hinein, wickelte noch ein gar schönes Bändchen, das
sie sonst um den Leib getragen, um die wunden Schultern, und bedeckte
ihn bis unter die Nase. "Bei der unartigen Cläre darf er aber nicht bleiben,"
sprach sie weiter, und hob das Bettchen samt dem darinne liegenden Nußknacker
heraus in das obere Fach, so daß es dicht neben dem schönen Dorf zu stehen
kam, wo Fritzens Husaren kantonierten. Sie verschloß den Schrank und wollte
ins Schlafzimmer, da - horcht auf Kinder! - da fing es an leise - leise
zu wispern und zu flüstern und zu rascheln ringsherum, hinter dem Ofen,
hinter den Stühlen, hinter den Schränken. - Die Wanduhr schnurrte dazwischen
lauter und lauter, aber sie konnte nicht schlagen. Marie blickte hin,
da hatte die große vergoldete Eule, die darauf saß, ihre Flügel herabgesenkt,
so daß sie die ganze Uhr überdeckten und den häßlichen Katzenkopf mit
krummen Schnabel weit vorgestreckt. Und stärker schnurrte es mit vernehmlichen
Worten: "Uhr, Uhre, Uhre, Uhren, müßt alle nur leise schnurren, leise
schnurren. - Mausekönig hat ja wohl ein feines Ohr - purrpurr - pum pum
singt nur, singt ihm altes Liedlein vor - purr purr - pum pum schlag an
Glöcklein, schlag an, bald ist es um ihn getan!" Und pum pum ging es ganz
dumpf und heiser zwölfmal! - Marien fing an sehr zu grauen, und entsetzt
wär sie beinahe davongelaufen, als sie Pate Droßelmeier erblickte, der
statt der Eule auf der Wanduhr saß und seine gelben Rockschöße von beiden
Seiten wie Flügel herabgehängt hatte, aber sie ermannte sich und rief
laut und weinerlich: "Pate Droßelmeier, Pate Droßelmeier, was willst du
da oben? Komm herunter zu mir und erschrecke mich nicht so, du böser Pate
Droßelmeier!" - Aber da ging ein tolles Kichern und Gepfeife los rundumher,
und bald trottierte und lief es hinter den Wänden wie mit tausend kleinen
Füßchen und tausend kleine Lichterchen blickten aus den Ritzen der Dielen.
Aber nicht Lichterchen waren es, nein! kleine funkelnde Augen, und Marie
wurde gewahr, daß überall Mäuse hervorguckten und sich hervorarbeiteten.
Bald ging es trott - trott - hopp hopp in der Stube umher - immer lichtere
und dichtere Haufen Mäuse galoppierten hin und her, und stellten sich
endlich in Reihe und Glied, so wie Fritz seine Soldaten zu stellen pflegte,
wenn es zur Schlacht gehen sollte. Das kam nun Marien sehr possierlich
vor, und da sie nicht, wie manche andere Kinder, einen natürlichen Abscheu
gegen Mäuse hatte, wollte ihr eben alles Grauen vergehen, als es mit einemmal
so entsetzlich und so schneidend zu pfeifen begann, daß es ihr eiskalt
über den Rücken lief! - Ach was erblickte sie jetzt! - Nein, wahrhaftig,
geehrter Leser Fritz, ich weiß, daß ebensogut wie dem weisen und mutigen
Feldherrn Fritz Stahlbaum dir das Herz auf dem rechten Flecke sitzt, aber,
hättest du das gesehen, was Marien jetzt vor Augen kam, wahrhaftig du
wärst davongelaufen, ich glaube sogar, du wärst schnell ins Bett gesprungen
und hättest die Decke viel weiter über die Ohren gezogen als gerade nötig.
- Ach! - das konnte die arme Marie ja nicht einmal tun, denn hört nur
Kinder! - dicht dicht vor ihren Füßen sprühte es wie von unterirdischer
Gewalt getrieben, Sand und Kalk und zerbröckelte Mauersteine hervor und
sieben Mäuseköpfe mit sieben hellfunkelnden Kronen erhoben sich recht
gräßlich zischend und pfeifend aus dem Boden. Bald arbeitete sich auch
der Mausekörper, an dessen Hals die sieben Köpfe angewachsen waren, vollends
hervor und der großen mit sieben Diademen geschmückten Maus jauchzte in
vollem Chorus dreimal laut aufquiekend das ganze Heer entgegen, das sich
nun auf einmal in Bewegung setzte und hott, hott - trott - trott ging
es - ach geradezu auf den Schrank - geradezu auf Marien los, die noch
dicht an der Glastüre des Schrankes stand. Vor Angst und Grauen hatte
Marien das Herz schon so gepocht, daß sie glaubte, es müsse nun gleich
aus der Brust herausspringen und dann müßte sie sterben; aber nun war
es ihr, als stehe ihr das Blut in den Adern still. Halb ohnmächtig wankte
sie zurück, da ging es klirr - klirr - prr und in Scherben fiel die Glasscheibe
des Schranks herab, die sie mit dem Ellbogen eingestoßen. Sie fühlte wohl
in dem Augenblick einen recht stechenden Schmerz am linken Arm, aber es
war ihr auch plötzlich viel leichter ums Herz, sie hörte kein Quieken
und Pfeifen mehr, es war alles ganz still geworden, und, obschon sie nicht
hinblicken mochte, glaubte sie doch, die Mäuse wären von dem Klirren der
Scheibe erschreckt wieder abgezogen in ihre Löcher. - Aber was war denn
das wieder? - Dicht hinter Marien fing es an im Schrank auf seltsame Weise
zu rumoren und ganz feine Stimmchen fingen an: "Aufgewacht - aufgewacht
- wolln zur Schlacht - noch diese Nacht - aufgewacht - auf zur Schlacht."
- Und dabei klingelte es mit harmonischen Glöcklein gar hübsch und anmutig!
"Ach das ist ja mein kleines Glockenspiel", rief Marie freudig, und sprang
schnell zur Seite Da sah sie wie es im Schrank ganz sonderbar leuchtete
und herumwirtschaftete und hantierte. Es waren mehrere Puppen, die durcheinanderliefen
und mit den kleinen Armen herumfochten. Mit einemmal erhob sich jetzt
Nußknacker, warf die Decke weit von sich und sprang mit beiden Füßen zugleich
aus dem Bette, indem er laut rief: "Knack knack - knack - dummes Mausepack
- dummer toller Schnack - Mausepack - Knack - Knack - Mausepack - Krick
und Krack - wahrer Schnack." Und damit zog er sein kleines Schwert und
schwang es in den Lüften und rief: "Ihr meine lieben Vasallen, Freunde
und Brüder, wollt ihr mir beistehen im harten Kampf?" - Sogleich schrien
heftig drei Skaramuzze, ein Pantalon, vier Schornsteinfeger, zwei Zitherspielmänner
und ein Tambour: "Ja Herr - wir hängen Euch an in standhafter Treue -
mit Euch ziehen wir in Tod, Sieg und Kampf!" und stürzten sich nach dem
begeisterten Nußknacker, der den gefährlichen Sprung wagte, vom obern
Fach herab. Ja! jene hatten gut sich herabstürzen, denn nicht allein daß
sie reiche Kleider von Tuch und Seide trugen, so war inwendig im Leibe
auch nicht viel anders als Baumwolle und Häcksel, daher plumpten sie auch
herab wie Wollsäckchen. Aber der arme Nußknacker, der hätte gewiß Arm
und Beine gebrochen, denn, denkt euch, es war beinahe zwei Fuß hoch vom
Fache, wo er stand, bis zum untersten, und sein Körper war so spröde als
sei er geradezu aus Lindenholz geschnitzt. Ja Nußknacker hätte gewiß Arm
und Beine gebrochen, wäre, im Augenblick als er sprang, nicht auch Mamsell
Clärchen schnell vom Sofa aufgesprungen und hätte den Helden mit dem gezogenen
Schwert in ihren weichen Armen aufgefangen. "Ach du liebes gutes Clärchen!"
schluchzte Marie, "wie habe ich dich verkannt, gewiß gabst du Freund Nußknackern
dein Bettchen recht gerne her!" Doch Mamsell Clärchen sprach jetzt, indem
sie den jungen Helden sanft an ihre seidene Brust drückte: "Wollet Euch,
o Herr! krank und wund wie Ihr seid, doch nicht in Kampf und Gefahr begeben,
seht wie Eure tapferen Vasallen kampflustig und des Sieges gewiß sich
sammeln. Skaramuz, Pantalon, Schornsteinfeger, Zitherspielmann und Tambour
sind schon unten und die Devisen-Figuren in meinem Fache rühren und regen
sich merklich! Wollet, o Herr! in meinen Armen ausruhen, oder von meinem
Federhut herab Euern Sieg anschaun!" So sprach Clärchen, doch Nußknacker
tat ganz ungebärdig und strampelte so sehr mit den Beinen, daß Clärchen
ihn schnell herab auf den Boden setzen mußte. In dem Augenblick ließ er
sich aber sehr artig auf ein Knie nieder und lispelte: "O Dame! stets
werd ich Eurer mir bewiesenen Gnade und Huld gedenken in Kampf und Streit!"
Da bückte sich Clärchen so tief herab, daß sie ihn beim Ärmchen ergreifen
konnte, hob ihn sanft auf, löste schnell ihren mit vielen Flittern gezierten
Leibgürtel los und wollte ihn dem Kleinen umhängen, doch der wich zwei
Schritte zurück, legte die Hand auf die Brust, und sprach sehr feierlich:
"Nicht so wollet o Dame, Eure Gunst an mir verschwenden, denn -" er stockte,
seufzte tief auf, riß dann schnell das Bändchen, womit ihn Marie verbunden
hatte, von den Schultern, drückte es an die Lippen, hing es wie eine Feldbinde
um, und sprang, das blankgezogene Schwertlein mutig schwenkend, schnell
und behende wie ein Vögelchen über die Leiste des Schranks auf den Fußboden.
Ihr merkt wohl höchst geneigte und sehr vortreffliche Zuhörer, daß Nußknacker
schon früher als er wirklich lebendig worden, alles Liebe und Gute, was
ihm Marie erzeigte, recht deutlich fühlte, und daß er nur deshalb, weil
er Marien so gar gut worden, auch nicht einmal ein Band von Mamsell Clärchen
annehmen und tragen wollte, unerachtet es sehr glänzte und sehr hübsch
aussah. Der treue gute Nußknacker putzte sich lieber mit Mariens schlichtem
Bändchen. - Aber wie wird es nun weiter werden? - Sowie Nußknacker herabspringt,
geht auch das Quieken und Piepen wieder los. Ach! unter dem großen Tische
halten ja die fatalen Rotten unzähliger Mäuse und über alle ragt die abscheuliche
Maus mit den sieben Köpfen hervor! - Wie wird das nun werden! -
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