Weihnachten in einem Waisenhaus
von Christina Oberfeld
Schon als kleiner Junge hatte ich meine Eltern verloren und kam in ein
Waisenhaus in der nähe von London. Es war mehr als ein Gefängnis.
Wir mussten 14 Stunden täglich arbeiten- im Garten, in der Küche,
im Stall, auf dem Felde. Kein Tag brachte eine Abwechslung, und im ganzen
Jahr gab es für uns nur einen einzigen Ruhetag. Das war der Weihnachtstag.
Dann bekam jeder Junge eine Apfelsine zum Christfest. Das war alles, keine
Süßigkeiten, kein Spielzeug. Aber auch diese eine Apfelsine
bekam nur derjenige , der sich im Laufe des Jahres nichts hatte zu schulden
kommen lassen und immer folgsam war. Die Apfelsine an Weihnachten verkörperte
die Sehnsucht eines ganzen Jahres.
So war wieder einmal das Christfest herangekommen. Aber es bedeutete für
mein Knabenherz fast das Ende der Welt. Während die anderen Jungen
am Waisenvater vorbeischritten und jeder seine Apfelsine in Empfang nahm,
musste ich in einer Zimmerecke stehen und zusehen. Das war meine Strafe
dafür, dass ich eines Tages im Sommer hatte aus dem Waisenhaus weglaufen
wollen. Als die Geschenkverteilung vorüber war, durften die anderen
Knaben im Hofe spielen. Ich aber musste in den Schlafraum gehen und dort
den ganzen Tag über im Bett liegen bleiben. Ich war tieftraurig und
beschämt. Ich weinte und wollte nicht länger leben.
Nach einer weile hörte ich Schritte und im Zimmer. Eine Hand zog
die Bettdecke weg, unter der ich mich verkochen hatte. Ich blickte auf.
Ein kleiner Junge namens William stand vor meinem Bett, hatte eine Apfelsine
in der rechten Hand und hielt sie mir entgegen. Ich wusste nicht, wie
mir geschah. Wo sollte eine überzählige Apfelsine hergekommen
sein? Ich sah abwechselnd auf William und auf die Frucht und fühlte
dumpf in mir, dass es mit der Apfelsine eine besondere Bewandtnis haben
müsse. Auf einmal kam mir zu Bewusstsein, dass die Apfelsine bereits
geschält war, und als ich näher hinblickte, wurde mir alles
klar, und Tränen kamen in meine Augen, und als ich die Hand ausstreckte,
um die Frucht entgegenzunehmen, da wusste ich, dass ich fest zupacken
musste, damit sie nicht auseinander fiel.
Was war geschehen? Zehn Knaben hatten sich im Hof zusammengetan und beschlossen,
dass auch ich zu Weihnachten meine Apfelsine haben müsse. So hatte
jeder die seine geschält und eine Scheibe abgetrennt, und die zehn
abgetrennten Scheiben hatten sie sorgfältig zu einer neuen, schönen
runden Apfelsine zusammengesetzt. Diese Apfelsine war das schönste
Weihnachtsgeschenk in meinen Leben.
Sie lehrte mich, wie trostvoll echte Kameradschaft sein kann.
Frohe Weihnachten und Friede auf Erden, ein gesundes und hoffnungsvolles
neues Jahr.
Wünscht Ihnen
Christina Oberfeld
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