Der vierte Weise aus dem Morgenland
Um eines Kindes willen
Im Reich der Träume entstand eine Stille. Und durch diese Stille sah
ich, aber nur sehr verschwommen, die Gestalt des vierten Weisen, wie sie
hoch auf dem Rücken des Kamels, das stetig voranschaukelte wie ein Schiff
auf dem Ozean, die tristen Wellen der Wüste durchquerte.
Das Land des Todes umfing ihn mit seinem grausamen Netz. Die steinigen
Oden trugen keine Frucht außer Gestrüpp und Dornen. Karge, unwirtliche
Bergketten erhoben sich vor ihm, durchfurcht von den trockenen Betten
versiegter Sturzbäche. Wandernde Hügel trügerischen Sandes zogen sich
wie Grabhügel über den Horizont. Bei Tag lastete die wütende Hitze mit
unerträglicher Bürde auf der zitternden Luft, und kein lebendes Geschöpf
regte sich außer winzigen Wüstenspringmäusen, die durch die verdorrten
Büsche hüpften, und Eidechsen, die in die Felsspalten huschten. Bei Nacht
streiften in der Ferne heulende Schakale, während dem Fieber des Tages
schneidende Kälte folgte. Durch Hitze und Frost verfolgte der Magier seinen
Weg.
Dann sah ich die Blumen- und Fruchtgärten von Damaskus, gewässert von
den Flüsschen Abana und Pharpar, die Rasenhänge bestickt mit Blüten. Ich
sah den langen, schneeigen Rücken des Hermon, die dunklen Zedernhaine,
das Jordantal, die blauen Wassers des Sees Genezareth und weit in der
Ferne das Hochland von Juda.
Durch all diese Landschaften wanderte Artaban unermüdlich. Dann gelangte
er erschöpft, aber voll Hoffnung nach Bethlehem; noch hatte er ja den
Rubin und die Perle, die er dem König schenken wollte. "Jetzt endlich",
sagte er sich, "werde ich ihn gewiss finden, wenn auch allein und später
als meine Mitbrüder."
Die Straßen des Dorfes wirkten verödet. Aus der offenen Tür eines niedrigen
Bauernhäuschens hörte Artaban den Klang einer leise singenden Frauenstimme.
Er trat ein und fand eine junge Mutter, die ihr Kind in den Schlaf wiegte.
Sie erzählte ihm von den Fremden aus dem fernen Morgenland, die vor drei
Tagen im Dorf erschienen waren. Ein Stern, hatten sie gesagt, habe sie
zu dem Ort geleitet, wo Joseph von Nazareth mit seiner Frau Maria und
ihrem neugeborenen Kind Jesus weilte. Sie erzählte, wie sie dem Kind gehuldigt
und ihm Gaben von Gold, Weihrauch und Myrrhe zu Füßen gelegt hatten.
"Aber die Fremden verschwanden wieder, so plötzlich wie sie gekommen waren.
Die Wunderlichkeit ihres Besuchs machte uns bange. Die Familie aus Nazareth
ist in der gleichen Nacht fortgegangen, und es wurde geflüstert, sie wolle
weit weg flüchten, bis nach Ägypten. Seither hängt etwas Unheimliches
über dem Dorf. Es heißt, dass römische Soldaten aus Jerusalem kommen sollen,
um eine neue Steuer einzutreiben, und unsere Männer haben die Herden bis
in die Berge getrieben und verstecken sich dort, um der Steuer zu entgehen."
Das Kind in ihren Armen sah zu Artaban auf und lächelte, die rosigen Händchen
nach ihm ausstreckend. Ihm wurde warm ums Herz, als sie ihn berührten.
"Hätte nicht auch dieses Kind der verheißene Fürst sein können?" fragte
er sich, während er ihm über die weiche Wange strich. "Könige sind schon
in ärmlicheren Hütten als dieser zur Welt gekommen, und der Liebling der
Sterne kann auch einem Bauernhaus entstammen. Doch nein, es hat dem Gott
der Weisheit nicht gefallen, meine Suche so leicht zu lohnen. Der, den
ich suche, ist mir entschwunden, und jetzt muss ich ihm nach Ägypten folgen."
Die junge Mutter legte das Kind in seine Wiege und setzte dem fremden
Gast, den ihr das Schicksal ins Haus gebracht hatte, Speise vor. Es war
das einfache Mahl von Bauern, aber gern gespendet und darum voller Erquickung
für Leib und Seele. Während Artaban aß, fiel das Kind in einen sanften
Schlummer und lallte in seinen Träumen leise vor sich hin.
Plötzlich erscholl von der Straße her der Lärm eines wilden Auflaufs,
ein Kreischen und Wehklagen von Frauenstimmen, Trompetengeschmetter und
ein verzweifelter Schrei: "Soldaten! Die Soldaten des Herodes! Sie bringen
unsere Kinder um!"
Weiß vor Schreck verkroch sich die junge Mutter in die finsterste Ecke
des Raums und blieb dort reglos hocken, wobei sie das Kind mit den Falten
ihres Gewandes bedeckte, damit es nicht erwachte und schrie. Artaban aber
stand auf und stellte sich in den Eingang der Hütte, und seine breiten
Schultern füllten die Tür von einem Balken zum anderen.
Die Soldaten mit ihren blutigen Händen und triefenden Schwertern zögerten
beim Anblick des Fremden in seinem achtunggebietenden Kleid. Der Hauptmann
erschien und machte Anstalten, ihn zur Seite zu drängen. Doch Artabans
Miene war so ruhig, als beobachte er die Sterne, und in seinem Blick brannte
jene stetige Glut, vor der sich selbst der halbzahme Jagdleopard duckt.
Schweigend hielt er den Soldaten für einen Augenblick gebannt, dann sagte
er leise: "Ich bin allein in diesem Haus und warte darauf, dieses Kleinod
dem klugen Hauptmann zu geben, der mich in Frieden läßt."
Er ließ den Rubin sehen, der in der Höhlung seiner Hand gleißte wie ein
großer Blutstropfen. Vor dem Glanz des Juwels war der Hauptmann sprachlos.
Die Pupillen seiner Augen weiteten sich vor Begehrlichkeit, und er streckte
die Hand nach dem Rubin aus.
"Weitersuchen!" rief er seinen Männern zu. "Hier ist kein Kind."
Während Stimmengewirr und Waffenklirren sich die Straße hinab entfernten,
wandte Artaban das Gesicht nach Osten und betete: "Gott der Wahrheit,
vergib mir meine Sünde! Ich habe gesagt, was nicht wahr ist, um das Leben
eines Kindes zu retten. Und zwei meiner Geschenke sind dahin. Ich habe
für Menschen hingegeben, was für Gott bestimmt war. Werde ich jemals würdig
sein, das Angesicht des Königs zu sehen?"
Doch die Frau, die im Schatten hinter ihm vor Freude weinte, sagte sacht:
"Der Herr segne Euch und behüte Euch; der Herr lasse sein Angesicht leuchten
über Euch und sei Euch gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf Euch
und gebe Euch Frieden."
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