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zuletzt aktualisiert:
19.12.2011

 

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Der vierte Weise aus dem Morgenland

Um eines Kindes willen

Im Reich der Träume entstand eine Stille. Und durch diese Stille sah ich, aber nur sehr verschwommen, die Gestalt des vierten Weisen, wie sie hoch auf dem Rücken des Kamels, das stetig voranschaukelte wie ein Schiff auf dem Ozean, die tristen Wellen der Wüste durchquerte.
Das Land des Todes umfing ihn mit seinem grausamen Netz. Die steinigen Oden trugen keine Frucht außer Gestrüpp und Dornen. Karge, unwirtliche Bergketten erhoben sich vor ihm, durchfurcht von den trockenen Betten versiegter Sturzbäche. Wandernde Hügel trügerischen Sandes zogen sich wie Grabhügel über den Horizont. Bei Tag lastete die wütende Hitze mit unerträglicher Bürde auf der zitternden Luft, und kein lebendes Geschöpf regte sich außer winzigen Wüstenspringmäusen, die durch die verdorrten Büsche hüpften, und Eidechsen, die in die Felsspalten huschten. Bei Nacht streiften in der Ferne heulende Schakale, während dem Fieber des Tages schneidende Kälte folgte. Durch Hitze und Frost verfolgte der Magier seinen Weg.
Dann sah ich die Blumen- und Fruchtgärten von Damaskus, gewässert von den Flüsschen Abana und Pharpar, die Rasenhänge bestickt mit Blüten. Ich sah den langen, schneeigen Rücken des Hermon, die dunklen Zedernhaine, das Jordantal, die blauen Wassers des Sees Genezareth und weit in der Ferne das Hochland von Juda.
Durch all diese Landschaften wanderte Artaban unermüdlich. Dann gelangte er erschöpft, aber voll Hoffnung nach Bethlehem; noch hatte er ja den Rubin und die Perle, die er dem König schenken wollte. "Jetzt endlich", sagte er sich, "werde ich ihn gewiss finden, wenn auch allein und später als meine Mitbrüder."
Die Straßen des Dorfes wirkten verödet. Aus der offenen Tür eines niedrigen Bauernhäuschens hörte Artaban den Klang einer leise singenden Frauenstimme. Er trat ein und fand eine junge Mutter, die ihr Kind in den Schlaf wiegte. Sie erzählte ihm von den Fremden aus dem fernen Morgenland, die vor drei Tagen im Dorf erschienen waren. Ein Stern, hatten sie gesagt, habe sie zu dem Ort geleitet, wo Joseph von Nazareth mit seiner Frau Maria und ihrem neugeborenen Kind Jesus weilte. Sie erzählte, wie sie dem Kind gehuldigt und ihm Gaben von Gold, Weihrauch und Myrrhe zu Füßen gelegt hatten.
"Aber die Fremden verschwanden wieder, so plötzlich wie sie gekommen waren. Die Wunderlichkeit ihres Besuchs machte uns bange. Die Familie aus Nazareth ist in der gleichen Nacht fortgegangen, und es wurde geflüstert, sie wolle weit weg flüchten, bis nach Ägypten. Seither hängt etwas Unheimliches über dem Dorf. Es heißt, dass römische Soldaten aus Jerusalem kommen sollen, um eine neue Steuer einzutreiben, und unsere Männer haben die Herden bis in die Berge getrieben und verstecken sich dort, um der Steuer zu entgehen."
Das Kind in ihren Armen sah zu Artaban auf und lächelte, die rosigen Händchen nach ihm ausstreckend. Ihm wurde warm ums Herz, als sie ihn berührten. "Hätte nicht auch dieses Kind der verheißene Fürst sein können?" fragte er sich, während er ihm über die weiche Wange strich. "Könige sind schon in ärmlicheren Hütten als dieser zur Welt gekommen, und der Liebling der Sterne kann auch einem Bauernhaus entstammen. Doch nein, es hat dem Gott der Weisheit nicht gefallen, meine Suche so leicht zu lohnen. Der, den ich suche, ist mir entschwunden, und jetzt muss ich ihm nach Ägypten folgen."
Die junge Mutter legte das Kind in seine Wiege und setzte dem fremden Gast, den ihr das Schicksal ins Haus gebracht hatte, Speise vor. Es war das einfache Mahl von Bauern, aber gern gespendet und darum voller Erquickung für Leib und Seele. Während Artaban aß, fiel das Kind in einen sanften Schlummer und lallte in seinen Träumen leise vor sich hin.
Plötzlich erscholl von der Straße her der Lärm eines wilden Auflaufs, ein Kreischen und Wehklagen von Frauenstimmen, Trompetengeschmetter und ein verzweifelter Schrei: "Soldaten! Die Soldaten des Herodes! Sie bringen unsere Kinder um!"
Weiß vor Schreck verkroch sich die junge Mutter in die finsterste Ecke des Raums und blieb dort reglos hocken, wobei sie das Kind mit den Falten ihres Gewandes bedeckte, damit es nicht erwachte und schrie. Artaban aber stand auf und stellte sich in den Eingang der Hütte, und seine breiten Schultern füllten die Tür von einem Balken zum anderen.
Die Soldaten mit ihren blutigen Händen und triefenden Schwertern zögerten beim Anblick des Fremden in seinem achtunggebietenden Kleid. Der Hauptmann erschien und machte Anstalten, ihn zur Seite zu drängen. Doch Artabans Miene war so ruhig, als beobachte er die Sterne, und in seinem Blick brannte jene stetige Glut, vor der sich selbst der halbzahme Jagdleopard duckt. Schweigend hielt er den Soldaten für einen Augenblick gebannt, dann sagte er leise: "Ich bin allein in diesem Haus und warte darauf, dieses Kleinod dem klugen Hauptmann zu geben, der mich in Frieden läßt."
Er ließ den Rubin sehen, der in der Höhlung seiner Hand gleißte wie ein großer Blutstropfen. Vor dem Glanz des Juwels war der Hauptmann sprachlos. Die Pupillen seiner Augen weiteten sich vor Begehrlichkeit, und er streckte die Hand nach dem Rubin aus.
"Weitersuchen!" rief er seinen Männern zu. "Hier ist kein Kind."
Während Stimmengewirr und Waffenklirren sich die Straße hinab entfernten, wandte Artaban das Gesicht nach Osten und betete: "Gott der Wahrheit, vergib mir meine Sünde! Ich habe gesagt, was nicht wahr ist, um das Leben eines Kindes zu retten. Und zwei meiner Geschenke sind dahin. Ich habe für Menschen hingegeben, was für Gott bestimmt war. Werde ich jemals würdig sein, das Angesicht des Königs zu sehen?"
Doch die Frau, die im Schatten hinter ihm vor Freude weinte, sagte sacht: "Der Herr segne Euch und behüte Euch; der Herr lasse sein Angesicht leuchten über Euch und sei Euch gnädig; der Herr erhebe sein Angesicht auf Euch und gebe Euch Frieden."

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