Warum es keine
Weihnachtslärche gibt
von Josef Guggenmos
"Herbst, was hast du uns mitgebracht?" riefen die Bäume.
"Mitgebracht?" brummte der Herbst.
"Die andern haben uns die herrlichsten Dinge geschenkt!" schallte
es von allen Seiten. "Der Frühling hat uns allen herrliche grüne
Kleider gegeben!"
"Dazu hat er uns mit schneeweißen Blüten überschüttet!"
riefen Birnbaum, Kirschbaum und Pflaumenbaum.
"Mich hat er mit rosafarbenen Blüten geschmückt!"
rief der Apfelbaum.
"Mir hat er tausend rote Blütenkätzchen geschenkt!"
rief die Fichte.
"Mir hat er auf jeden Zweig prächtige Blütenkerzen gesteckt!"
rief die Kastanie.
"Und der Sommer!" riefen die Bäume. "Der Sommer hat
uns Früchte gegeben!"
"Mich hat er mit blauen, weiß bereiften Kugeln behängt!"
rief der Pflaumenbaum.
"Mich mit wunderhübschen roten!" rief der Kirschbaum.
"Uns hat er große, saftige Früchte beschert!" riefen
Birnbaum und Apfelbaum.
"Mir hat er zierliche Zapfen auf die Zweige gesteckt!" rief
dieLärche.
Die Bäume konnten nicht genug den Frühling und den Sommer loben.
"Unddu, Herbst", riefen sie, "du nimmst uns die Früchte!
Und was gibst du uns dafür?"
"Ich habe nichts mitgebracht. Ich kann euch nichts geben", brummte
der Herbst.
"Ihr habt eure grünen Kleider noch, seid zufrieden!"
"Ach, unsere grünen Kleider", hieß es. "An denen
haben wir uns längst satt gesehen!"
Die Bäume standen still und traurig, bis sich eine helle Stimme vernehmen
ließ: "Kannst du uns nicht wenigstens die Kleider färben?
Ich wünsche mir ein goldenes!"
Alle schauten auf die Birke, die gesprochen hatte. Dann brach ein Sturm
los: "Herbst, du mußt uns die Kleider färben!"
"Ich wünsche mir ein rotes Kleid!" rief der Kirschbaum.
"Ich ein braunes!" rief die Eiche.
"Ich ein violettes!" rief die Tanne.
"Ich ein ockerfarbenes!" rief der Ahorn.
Der Herbst schüttelte sein Haupt. "Ich würde euch gerne
den Gefallen tun", sagte er. "Aber was würde der Winter
dazu sagen, wenn er kommt?
Er würde toben! Ich kenne ihn: Er ist für das Schlichte, alles
Buntscheckige ist ihm verhaßt. Nein, es kann nicht sein!"
"Oh, du willst nur nicht!" klagten die Bäume. "Der
Winter hat gewiß nichts dagegen, wenn wir bunte Kleider tragen!"
"Wir können ihn ja fragen", entschied der Herbst. Und er
befahl dem Wind, eilig zum Winter zu laufen.
Bis zum Winter war ein weiter Weg. Der Wind rannte durch die Straßen
der Dörfer
und Städte, über die Fluren, durch die Täler, über
die Höhen.
Keuchend kehrte er zurück. "Der Winter ist außer sich",
berichtete er. "Er droht, allen Bäumen den Kragen umzudrehen,
wenn er jeden in einem andersfarbigen Kleid vorfindet."
Die Bäume steckten die Köpfe zusammen. Schließlich machten
sie dem Herbst einen Vorschlag: "Gib unsern Blättern und Nadeln
schöne Farben!
Wir versprechen dir, sie alle abzuwerfen, ehe der Winter kommt, dann hat
er keinen Grund, sich zu beschweren. Der Frühling gibt uns später
wieder neue Kleider."
"Hm", meinte der Herbst, "dann steht ihr ja alle kahl da,
wenn der Winter kommt. Ob er damit einverstanden sein wird? Ich glaube
kaum. -
Lauf, Wind, und frage ihn."
Der Wind stöhnte, weil er den weiten Weg noch einmal machen mußte.
Fauchend und heulend fuhr über das Land, bis er dorthin gelangte,
wo der Winter wohnte.
Der Winter erklärte: "Wenn den Bäumen so viel an bunten
Kleidern gelegen ist, sollen sie ihre Freude haben! Aber ein Teil von
ihnen muß grün bleiben. Ich will an Weihnachten nicht nur kahle
Zweige sehen!
Wind, höre gut zu, was ich dir sage! Die Laubbäume können
sich ihr Laub vom Herbst färben lassen, wenn sie wollen; sie müssen
es nur abgeworfen haben, bis ich komme. Die vier Nadelbäume aber
- hast du
verstanden? -, die vier Nadelbäume müssen grün bleiben.
Wehe dir, wenn
du meinen Befehhl nicht ordentlich weitergibst!"
Der Wind, den schon der Herbst so viel herumgeschickt hatte, wollte wenigstens
zur Zeit des Winters seine Ruhe haben. Er nahm sich daher vor, seine Botschaft
an die vier Nadelbäume genau auszurichten. Als er zurückkam,
rief er sogleich:
"Fichten, Tannen, Kiefern, Föhren,
ihr vier habt mir zuzuhören!
Bleibet grün, so wie ihr seid,
grün, grün, grasgrün allezeit!
Dieses muß ich euch berichten,
Tannen, Kiefern, Föhren, Fichten!"
Der Wind war überzeugt, seine Sache gut gemacht zu haben.
Doch als der Winter kam und sich umschaute, da verfinsterte sich sein
Gesicht. Er brüllte: "Wind, was habe ich dir aufgetragen?"
und zeigte auf die Lärche, die mit kahlen Zweigen dastand. Unter
ihr lagen die ockerfarbenen Nadeln verstreut, die sie abgeworfen hatte,
wie die Laubbäume ihr Laub.
"Aber ich habe doch ausdrücklich allen vier Nadelbäumen
befohlen",
stotterte der Wind, "der Fichte, der Tanne, der Kiefer, der Föhre...."
"Und der Lärche?" brüllte der Winter.
Da ging dem Wind plötzlich ein Licht auf: Er hatte die Kiefer, die
auch Föhre heißt, zweimal genannt und die Lärche vergessen...
Ja, hätte der Wind damals nicht einen Fehler gemacht, könnten
wir uns als Weihnachtsbaum eine kleine Lärche statt der Fichte oder
Tanne ins Zimmer holen.
Aber seien wir dem Wind nicht auch noch böse. Er ist bestraft genug.
Hört nur, wie ihn der Winter draußen durch die Gegend jagt!
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