Der Weihnachtsbaum im Niemandsland
oder
Der rasende Marzipanbäcker
von James Krüss
Es war im Ersten Weltkrieg, als sich in den Schützengräben
Frankreichs ein deutsches Regiment, hauptsächlich Berliner, und ein
französisches Regiment, ausnahmslos dunkelhäutige Algerier,
gegenüberlagen. Am 24. Dezember 1917, dem Tag, an dem die Christen
in aller Welt den Heiligen Abend feierten, herrschte, ohne daß es
besonderer Abmachungen bedurft hätte, Waffenruhe auf beiden Seiten
der Front.
Deutsche wie Franzosen zollten dem heiligen Fest ihren Respekt. Jene AIgerier
aber, denen das Berliner Regiment gegenüberlag, waren Mohammedaner.
Ihnen bedeutete der 24. Dezember nichts. Sie kannten kein Weihnachtsfest.
Auch hatte die französische Heeresleitung versäumt, sie darüber
zu unterrichten, daß an diesem Tag nach stillschweigendem Übereinkommen
die Waffen zu schweigen pflegten. So knallten und ballerten die algerischen
Artilleristen wie jeden Tag aus purer Unkenntnis auf die deutschen Linien
los. Das deutsche Regiment, empört über die Mißachtung
des ungeschriebenen Gesetzes, ballerte zornig zurück. Das sorgfältig
ausgeübte Umbringen von Menschen mittels Pulver, Feuer, Metall und
Mathematik, das man Krieg nennt, nahm auf diese Weise auch am Heiligen
Abend seinen blutigen Fortgang.
Nun war in einem der vordersten deutschen Gräben ein Berliner Konditor
namens AIfred Kornitzke damit beschäftigt, Marzipan für seine
Kompanie herzustellen. Das Grabenstück, in dem er hingebungsvoll
Mandeln kleinhackte, war gegen Einschläge der feindlichen Artillerie
ziemlich abgesichert. Aber die Detonationen der in der Umgebung einschlagenden
Granaten behinderten den Konditor erheblich in seiner Arbeit. Da er die
Mandeln mangels einer Mandelmühle mit einem eigens feingeschliffenen
Seitengewehr zerhackte, schnitt er sich bei der plötzlichen Erschütterung
durch eine berstende Granate in die linke Hand und mußte mit einem
störenden dicken Verband weiterwerkeln. Wenig später verlor
er einen Teil des kostbaren, mühevoll beschafften Rosenwassers, als
die Karaffe bei einem besonders lauten Knall einen Sprung bekam. Das Rosenwasser
mußte in leere Konservendosen umgefüllt werden.
Am schlimmsten aber war, daß der kleine dicke Konditor ständig
um die Flamme des Petroleumkochers fürchten mußte, da für
die Marzipanherstellung ein gleichmäßig brennendes Feuer von
Wichtigkeit ist.
Gerade in dem Augenblick, als Kornitzke den Topf auf die Flamme setzte,
um bei gleichmäßiger Wärme die Masse gleichmäßig
rührend in edles Marzipan zu verwandeln, riß die Erschütterung
einer sehr nahen Detonation ihm den Holzlöffel aus der Hand, die
Flamme ging mit einem Schnalzlaut aus, und der Topf wäre unweigerlich
umgekippt und ausgelaufen, wenn der Konditor ihn nicht, seinen Verband
als Topflappen benutzend, aufgefangen hätte.
"Jetzt reicht's mir aber!" brüllte der in seiner sorgfältigen
Arbeit wieder einmal gestörte Konditor. "Diese Knallköppe
von Mohammedanern haben nich mal vor 'n orntlich ausjebildeten Berliner
Zuckateichkünstla Respekt!" "Aber Alfred", belehrte
ihn ein Kamerad, "wie solln denn die Mohammedanischen wissen, det
wir heute Weihnachten feiern und Marzipan machen? Det kenn'n die doch
nich!"
Wieder gefährdete eine Detonation den Topf mit seinem kostbaren Inhalt.
Wieder mußte Alfred Kornitzke ihn auffangen, und jetzt geriet er
in förmliche Raserei.
Det kenn'n die nich?" brüllte er. "Hast du 'ne Ahnung,
Teuerster! Det Rosenwasser kommt ja von die Orientalen."
"Aber Weihnachten kenn'n die nich, Alfred, det is det Malöhr!"
Wieder ein fürchterlicher Knall, wieder eine Erschütterung,
wieder war das Werk des Zuckerteigkünstlers in Gefahr.
Jetzt war in dem kleinen Dicken kein Halten mehr. "Det reicht mir,
Jeschäftsfreunde!" tobte er in Richtung auf die gegnerischen
Linien. "Weihnachten is Weihnachten, und Marzipan is Marzipan. Ick
laß mir det nich von euch vermiesen. Da schieb ick jetzt 'n Riegel
oder vielmehr 'n Tannboom vor!" Ehe seine Kameraden ihn begriffen,
hatte der rasende Konditor, der selbst hier an der Front eine Bäckermütze
trug, einen kleinen kerzenbesteckten Tannenbaum gepackt und war mit ihm
über den Grabenrand aufs freie Feld gehechtet, das die feindliche
Linie in der sternklaren Nacht vollständig einsehen und mit Feuersalven
bestreichen konnte.
Die hinter schmalen Schießscharten postierten deutschen Beobachter
glaubten, ihren Augen nicht trauen zu können, als sie plötzlich
einen deutschen Soldaten, der eine Bäckermütze trug, mit einem
Tannenbaum auf die feindlichen Schützengräben zulaufen sahen.
Feldtelefone und Morsegeräte begannen zu läuten oder zu ticken,
eine unglaubliche Meldung sprang von Kommandostelle zu Kommandostelle
durch das vielverzweigte Grabensystem, und unter den Soldaten, die nur
Bruchstücke der Meldung aufschnappten, entstanden die wildesten Gerüchte.
Das einzig greifbare im Durcheinander der Erkundigungen, Gerüchte
und hin- und herflitzenden Nachrichten war der Befehl des Regimentskommandeurs,
das Feuer sofort einzustellen.
Nun verwirren im Kriege ungewöhnliche Vorkommnisse Freund wie Feind
gleichermaßen. Für die algerischen Schützen und Artilleristen
war ein Soldat mit einer Bäckermütze und einem Baum mit Kerzen
in der Hand eine Sache, über die keine Dienstvorschrift Anweisungen
gab. Das Ding war zu verrückt, um darauf zu schießen, und viel
zu ulkig, um es bedrohlich zu finden. Man schoß ganz einfach nicht
auf Alfred Kornitzke. Man sah ihm ratlos zu, bis nach einer Weile auch
in den französischen Linien Telefone zu läuten und Morseapparate
zu ticken begannen. Dabei erfuhren die Algerier plötzlich auch von
der allgemeinen Waffenruhe während der Weihnachtsfeiertage und stellten
ebenfalls das Feuer ein.
Alfred Kornitzke war inzwischen ein ganzes Stück vorwärtsmarschiert.
Nun blieb er stehen, schätzte die Entfernung zwischen den Fronten
ab, fand, daß er etwa in der Mitte zwischen den feindlichen Linien
sei, ebnete den Boden mit einer Schuhspitze, stellte das Tannenbäumchen
sorgfältig hin, holte in aller Seelenruhe die Streichhölzer,
die für den Petroleumkocher bestimmt waren, aus seiner Uniformtasche
und steckte, da es eine windstille, frostklare Nacht war, Kerze um Kerze
an.
Gerade in dem Augenblick, in dem das ganze Bäumchen festlich strahlte,
stellte die feindliche Artillerie ihr Feuer ein. Es war plötzlich
unheimlich still, und in diese Stille hörte man auf beiden Seiten
Alfred Kornitzke brüllen: "Na also, ihr Dösköppe,
jetzt wißt ihr, wat los is! Fröhliche Weihnachten!" Dann
marschierte er wieder zu den deutschen Linien und turnte zurück in
den Graben, wo man ihn lachend und händeschüttelnd empfing.
"Als der AIte zuerst von deinem Alleingang gehört hat, wollte
er dich einbunkern", hörte er sagen. Jetzt überlegt er,
ob er dich für einen Orden vorschlagen soll."
"Er soll mich mein Marzipan machen lassen", sagte der Konditor,
eilte an seinen Topf, zündete wieder den Petroleumkocher an, begann
gleichmäßig rührend mit der Marzipanherstellung und erklärte
seinen andächtigen Zuschauern, er würde, wenn er wieder ins
Zivilleben zurückkehre, Heidenapostel werden. "lck weeß
nun, wie man det macht!" fügte er hinzu.
Das Bäumchen zwischen den Linien strahlte noch lange und gab den
Militärseelsorgern willkommenen Stoff für die Weihnachtspredigt
am nächsten Tag.
Auf diese Weise kam die Geschichte vom Weihnachtsbaum im Niemandsland
in viele erbauliche Kalender, und der rasende Marzipanbäcker Alfred
Kornitzke wurde zu einem frommen Helden, der er in Wahrheit nie gewesen
ist.
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