Unter dem Mistelzweig.......
Der
Mistelzweig hat das Küssen nicht erfunden, aber er hat es gefördert -
zumindest in England. Wer dort mit einem hübschen Mädchen oder einem netten
jungen Mann unter dem Zweig mit den weißen Beeren steht, muß freilich
die Spielregeln streng beachten: Pflückt man eine Beere - ein Kuß; zwei
Beeren - zwei Küsse. Wenn keine Beeren mehr da sind, ist Schluß mit der
Küssere!
Die Misteln sind viel interessanter, als man beim ersten Blick durch die
rosige Brille der Weihnachtsfreude vermuten würde. Die wilde Pflanze,
von der es etwa 1400 Arten gibt, wächst meist hoch oben in den Wipfeln
der Bäume. Wo man auch leben mag - in Senegal oder Schweden, in Wales
oder Japan -, überall hängen Misteln zwischen Himmel und Erde. Wenn die
übrige Natur ihr Winterkleid angelegt oder sich zum Winterschlaf in die
Erde verkrochen hat, sind sie eine wahre Augenweide.
Unsere Weihnachtsmistel ist ein immergrüner, kugelförmiger Busch von 60
bis 90 Zentimeter Durchmesser mit breiten, lederartigen Blättern. Die
perlenartigen Beerchen sind etwa so groß wie Johannisbeeren und meist
weiß oder gelblich. Im Nahen Osten sind sie gelb, orange oder rot. Die
Misteln werden Anfang Dezember als Weihnachtschmuck gepflückt. Da man
sie mit der Hand nicht erreichen kann, schießt man sie mit dem Gewehr
herunter oder holt sie mit gabelförmigen Stangen vom Baum.
Die Weiße Mistel wächst auf Laubbäumen wie Pappeln, Birken, Apfel- und
Ahornbäumen. Verbreitet wird die Pflanze ausschließlich durch Vögel. Sie
fressen die Beeren und wischen die am Schnabel hängengebliebenen Kerne
an der Baumrinde ab oder scheiden sie unverdaut wieder aus. Im Frühjahr
wachsen feine Wuezeln aus den Keimen, die sich zu einer klebrigen Haftscheibe
verbreitern, aus der ein Fortsatz durch die Baumrinde bis ins Holz dringt.
nach und nach treibt die Pflanze Blätter und beginnt ein außergewöhnlich
langes Leben.
Sie bleibt von Insekten verschont, die Winde können ihr nichts anhaben,
und sie ist sowohl gegen Winterfrost als auch gegen ausdörrende Hitze
gefeit. In der Regel stirbt die Mistel erst, wenn der Wirtsbaum stirbt.
So schätzten Förster das Alter einer Mistel, die auf einer Zeder wuchs,
auf 400 Jahre.
Wie der Mistelzweig zum Weihnachtsgrün wurde, ist nicht bekannt. Seine
Beeren reifen jedoch nur im Dezember, gerade rechtzeitig für die Weihnachtsbräuche.
Schon bei den altgermanischen Feiern der Wintersonnenwende spielten Misteln
eine Rolle. Und noch heute brennt während der Weihnachtstage in ganz Skandinavien
der hölzerne Julblock, dessen angekohlte Reste früher zum Schutz für das
Haus aufbewahrt wurden. Das Holz stammt von einem Baum, in dessen Zweigen
die Mistel wächst.
In der englischen Grafschaft Staffordshire würde man keinen Bisssen vom
Weihnachtspudding genießen, wenn die darunter brennenden Flammen nicht
von Mistelzweigen genährt wären. Das Kußspiel geht nach der Theorie eines
Historikers auf die Saturnalien im alten Rom zurück. Andere sehen darin
ein Überbleibsel des skandinavischen Glaubens, daß die Pflanze heilig
sei; deshalb schlossen Krieger, die unter einer Mistel im Wald zusammenstießen,
für den Tag Waffenstillstand. Nach einer anderen Legende soll die Mistel
ursprünglich ein Baum des Waldes gewesen sein, der das Holz für das Kreuz
Christi geliefert habe. Es heißt, daß der Baum vor Schmach auf seine jetzige
Größe zusammengeschrumpft, sonst aber zum Wohltäter verwandelt worden
sei, der auf alle Vorübergehenden Güte und Reinheit ausschüttet.
Über keine andere Pflanze gibt es eine so umfangreiche Literatur, eine
so ausgedehnte Mythologie. Die Sagen um den Mistelzweig reichen weit zurück
in ein Zeitalter lange vor Christi Geburt. Wuchs er vielleicht schon in
den Zweigen des Baumes der Erkenntnis im Garten Eden?
Tatsache ist jedenfalls, daß die Mistel sich vorzugsweise auf Apfelbäumen
ansiedelt. Der feurige Busch, aus dem Gott zu Moses sprach, gehörte vermutlich
zur Mistelfamilie. Diese Art, die im Heiligen Land auf Akazien wächst,
hat orangerote Stengel, und ihre Blätter und Früchte sehen wie Flammen
aus. Das erkärt vielleicht, "daß der Busch im Feuer brannte und doch nicht
verzehrt wurde", wie es im Alten Testament heißt - weil es nur das Feuerrot
der Mistel war.
Die dramatischste Sage ist vielleicht die von Baldur, dem nordischen Gott
der Sonne und des Sommers. Er träumte Nacht für Nacht, er würde einmal
ermordet werden. Seine Mutter Frija nahm das für ein böses Vorzeichen.
Sie sucht die gesamte beseelte und unbeseelte Welt auf - Steine und Metalle,
Wasser und Feuer, Tiere und Pflanzen - und ließ sich von allen versprechen,
daß sie Baldur nichts antun würden. Den Mistelzweig ließ sie aus.
Als der eifersüchtige Gott Loki davon erfuhr, gab er Baldurs blindem Bruder
Hödur einen Pfeil aus Mistelholz, der Baldur traf und ihn tötete. Seltsamerweise
ist ein ähnlicher Mythos aus in Afrika heimisch, wo viele Stämme glauben,
ihre Häuptlinge könnten nur durch einen Pfeil aus Mistelholz getötet werden.
Lange Zeit wurde die Pflanze wegen ihrer geheimnisvollen Zauberkräfte
verehrt. Die alten Griechen betrachteten sie als ein Mittel gegen Gift.
Andere Völker glaubten, sie könne Schlösser aufbrechen und vor Feuer und
Krankeiten schützen. Männer und Frauen trugen Armbänder, an denen aus
Mistelholz geschnitzte Amulette klapperten, und über den Zimmertüren hingen
Mistelzweige zum Schutz gegen Hexen und böse Geister.
Als dann die Priester an Macht gewannen, wurde der Mistelzweig zum Symbol
von Mut, Gesundheit, Fruchtbarkeit und Glück. Die Druiden kletterten in
weißen Gewändrn auf die Bäume und schnitten die Misteln mit goldenen Sicheln.
Im Schweizer Kanton Aargau wurden sie mit Pfeil und Bogen heruntergeschossen.
Wer sie mit der linken Hand auffing, besaß ein Allheilmittel gegen Kinderkrankheiten.
Auch in Holstein galt die Mistel als Geücksbringer. Ein Mistelzweig am
Jagdhut verhalf mit Sicherheit zu reicher Beute. Die Bauern schmückten
jede Kuh, die als erste im neuen Jahr kalbte, mit Mistelzweigen, streuten
die Beeren aufs Heu und mischten sie zur Saatzeit unter die Hirse und
anderes Getreide. Die Männer trugen ein Mistelzweiglein im Rockaufschlag
und schnitzten die Griffe ihrer Taschenmesser aus Mistelholz. Frauen,
die vergeblich auf Kindersegen hofften, banden sich einen Zweig um den
Hals oder legten ihn unters Kopfkissen.
Seit dem Altertum gilt die Mistel als ein Mittel gegen Epilepsie und Schwindelanfälle.
Sebastian Kneipp pries ihre Wirkung gegen Fallsucht. Selbst in der modernen
Medizin konnte sich die Mistel behaupten. Blätter und Preßsaft der Pflanze
enthalten einen Stoff, der den Blutdruck senkt.
Am beliebtesten ist die Mistel jedoch als Weihnachtsschmuck. Noch immer
erfreut man sich an dem Wintergrün, das seit undenklichen Zeiten die Phantasie
der Menschen in vielen Teilen der Welt beflügelt hat.
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